Internationalismus Sprache Beispiel Essay

Noch vor dem Sommerloch ist das Thema wieder da: Rettet die deutsche Sprache! Zum wievielten Mal werden wir auf die drohende Katastrophe eingestimmt? Dabei stellt der jüngste Artikel in der "Zeit" schon eine rühmliche Ausnahme dar. Autor Ulrich Greiner weiß selbst, dass "die Klage über den Niedergang des Deutschen" ein alter Hut ist. Und vor allem wendet er sich gegen die üblichen "Argumente": gegen Genitiv- und Konjunktivschwäche ebenso wie gegen das Denglisch mit seinen Anglizismen. Das Argument ist diesmal nicht die Verlotterung des Deutschen, sondern sein Rückzug. "Die Eliten des Landes sprechen Englisch", heißt es. Und weiter: Darüber "erodiere" "unsere Muttersprache". Das Deutsche soll also diesmal vor einer Art feindlichen Übernahme gerettet werden. Muss es das wirklich?

Wenn man liest, was Greiner im Einzelnen vorbringt, könnte man im ersten Moment zustimmen. Ja, in den Wissenschaften ist das Englische weit vorgedrungen. In den Naturwissenschaften, in der Medizin kann man sich auf Deutsch kaum noch Gehör verschaffen. In der Politik, zum Beispiel in Brüssel, ist es trotz der Anerkennung von Deutsch als dritter Verkehrssprache nicht anders. Englisch, darauf läuft es hinaus, hat sich als Weltsprache durchgesetzt. Nur: Was soll daran falsch sein oder bedrohlich für das Deutsche? Weltsprachen hat es immer gegeben, und zwar ganz ohne Unterdrückung der Muttersprachen. Im Gegenteil: Die europäischen Nationalsprachen haben sich gegenüber der ersten Weltsprache Latein alle erst formiert, sind aus Dialekten zu Hochsprachen geworden. Man hatte schlicht eine andere Einstellung zur Aufgabenvereilung von Welt- und Muttersprache: eine unaufgeregtere, ja bessere.

Nehmen wir das 18. Jahrhundert, in dem Deutschland zur großen Geistesmacht in Europa aufstieg. Damals war die internationale Verkehrssprache Französisch. Jeder Gebildete sprach es, zumal jeder Gebildete damals eine Schulausbildung hinter sich hatte, die ohnehin stark sprachorientiert war. Goethe beherrschte Latein, Griechisch, konnte etwas Hebräisch. Daneben hatte er Französisch, Italienisch und Englisch gelernt sowie, weil in Frankfurt eine starke jüdische Gemeinde lebte, auch etwas Jiddisch. Als er sich mit Eckermann über Sprachen unterhielt, gab er zu Protokoll: "(Die französische Sprache) ist die Sprache des Umgangs und ganz besonders auf Reisen unentbehrlich, weil sie jeder versteht und man sich in allen Ländern mit ihr statt eines guten Dolmetschers aushelfen kann." Wo, so sei gefragt, steckt hier die Angst, aufgrund einer Verkehrssprache die Muttersprache preiszugeben?

Und wer Goethe vielleicht als Poet nicht ernst zu nehmen bereit ist: Wie war das mit Persönlichkeiten in der Politik wie zum Beispiel Bismarck? Der sprach selbstverständlich die Sprache der damaligen Diplomatie, wiederum also Französisch. Wenn Bismarck als deutscher Botschafter in St. Petersburg verhandelte, verlief dies mit seinen russischen Partnern völlig reibungslos. Und wo, bitteschön, findet sich auch nur eine Spur des Bedauerns oder gar der Angst um die eigene Sprache? Dass sie "erodieren" könnte? Ganz nebenbei: Bismarck gilt als glänzender Stilist - im Deutschen. Keine Verkehrssprache bedroht irgendeine Muttersprache, eher im Gegenteil: Gute Fremdsprachler entpuppen sich als gute Muttersprachler. Vielleicht gilt sogar: Nichts nützt der eigenen Sprache mehr als die Offenheit für fremde.

Goethes Plädoyer für eine Weltliteratur, die übrigens den Kontext der eben zitierten Aussage bildet, beruhte unter anderem auf der Überzeugung, dass sich die europäischen Literaturen ohne entscheidenden Verlust ineinander übersetzen lassen. Es war nicht unbedingt der (politische) Nationalismus, der die Muttersprachen so ungünstig aufrüstete, es war die Sprachphilosophie Herders und Humboldts, die immer rigoroser ausgelegt wurde - bis das herauskam, was Greiner nur noch plakativ ins Feld führt: die Rolle der "erkenntnisleitenden Funktion" der Muttersprache, im Falle ihrer Preisgabe der "Verlust (der) Denkheimat".

Leider lässt sich nicht in ein paar Zeilen klären, wo genau hier das Richtige und das Falsche liegt. Was Greiner jedoch meint, nämlich die angebliche Bedrohung, die durch den Gebrauch des Englischen in Wissenschaften und Alltag entsteht, ist eine Schimäre. Ich möchte einmal ein einziges Beispiel vorgeführt bekommen, aus dem hervorgeht, dass ein englischer und ein deutscher Satz (jenseits stilistisch-ästhetischer Gesichtspunkte) etwas anderes "bedeuten". Goethe hat es selbst bei der Poesie nicht geglaubt. Und nun spricht Greiner (mit Berufung auf Heinrich Detering) davon, dass nicht unbedingt den Natur-, wohl aber den Geisteswissenschaftlern mit dem Gebrauch des Englischen "der Boden unter den Füßen weggezogen" werde. Natürlich wird er manchem weggezogen - aber eben deshalb, weil er zu wenig Englisch kann, nicht weil es sich um Englisch handelt.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich behaupte nicht, dass die Umstellung der Wissenschaft auf Englisch angenehm ist. Wer darauf nicht gründlich vorbereitet wurde, hat Schwierigkeiten. Nur: Wie sollen diese Schwierigkeiten vermieden werden? Sollen wir die Globalisierung durch eine "Balkanisierung" (Florian Rötzer) rückgängig machen oder gar ihre wirtschaftlichen Vorteile nutzen, die sprachlichen Voraussetzungen aber negieren?

Greiner selbst spricht ausführlich über die Rolle des Englischen, die als verbindende Lingua franca (als "freie Sprache", die diejenigen benutzen, die sich untereinander sonst nicht verstehen) keineswegs die "Muttersprache" Englisch ist, sondern im Grunde eine höhere Form von Pidgin für Wissenschaftler und Politiker. Greiner betont auch völlig zu Recht, dass kaum ein Deutscher das Englische so lernt, dass er mit Muttersprachlern mithalten kann. Wieso aber soll dann dieser Gebrauch der Lingua franca die eigene Muttersprache bedrohen? Wieso werden die Verfechter des Englischen als Lingua franca so häufig als Sprachflüchtlinge oder Sprachverräter hingestellt? Wo es doch überhaupt nicht möglich ist, die eigene Sprache zu verlassen?

Greiner gehört nicht zu den Scharfmachern. Aber seine Argumente sind ungewöhnlich dünn. Zu viel wird im Vorbeigehen angedeutet, was bei näherer Betrachtung problematisch ist: die Berufung auf die "Sprachschützer, die einst zu den Sonderlingen und Querulanten gerechnet wurden" zum Beispiel. Sie sind es durchaus immer noch und verdienen sich die Abkanzelung, die ihnen einst Wilhelm Grimm erteilte, als er sie als Zeitgenossen bezeichnete, "die mit beispiellosem Unverstand die natürliche Gestalt der Sprache zerstören". Man hat im Übrigen den Eindruck, dass Greiner selbst nicht recht an seine Thesen glaubt, wenn man das Titelbild betrachtet, wo lauter Anglizismen auf eine lesende Dame herabregnen, wo doch Anglizismen gar nicht das Problem sein sollen. Fast schon peinlich aber ist der Schluss, wenn das Ganze in Moral mündet: Die Eltern "von Teilen unserer Eliten", "die diese Sprache nicht mehr verstehen und nicht mehr sprechen", seien "unverantwortlich". Sie sollten ihre Kinder zum Gebrauch des Deutschen anhalten. Sollen wir nun nach der Wut auf die Banker auch noch Wut auf die Wissenschaftler und Politiker bekommen, nur weil sie englisch sprechen oder schreiben?

Um etwas versöhnlicher zu enden: Nein, die deutsche Sprache muss nicht gerettet werden, auch nicht wirklich vor ihren Rettern. Sie verursachen eher unnötige Unruhe als wirklichen Schaden. Aber so viel lässt sich doch sagen: Es wäre mehr gewonnen, wenn wir diejenigen in Ruhe arbeiten ließen, die Besseres für die deutsche Sprache tun, als sie zu retten - nämlich sie als Lehrer ordentlich zu unterrichten.

Der Autor war bis 2009 Germanistikprofessor in Köln. Er schrieb u.a. "Deutsch. Biografie einer Sprache" (Ullstein 2010).

Aus Wiktionary, dem freien Wörterbuch

Wechseln zu: Navigation, Suche

Internationalismus (Deutsch)[Bearbeiten]

Substantiv, m[Bearbeiten]

Worttrennung:

In·ter·na·ti·o·na·lis·mus, Plural: In·ter·na·ti·o·na·lis·men

Aussprache:

IPA: [ˌɪntɐnaʦi̯onaˈlɪsmʊs]
Hörbeispiele: —
Reime:-ɪsmʊs

Bedeutungen:

[1] Linguistik:Wort, das in gleicher/ähnlicher Form und Bedeutung zugleich in mehreren Sprachen verbreitet ist
[2] Politik: internationale Ausrichtung politischer Maßnahmen, politischen Denkens

Sinnverwandte Wörter:

[1] Europäismus

Gegenwörter:

[1] Erbwort

Oberbegriffe:

[1] Wort

Beispiele:

[1] „Zudem bildet sich eine wachsende Zahl sogenannter Internationalismen heraus, die, weil sie die Kommunikation erleichtern können, eigentlich willkommen sein müßten.“[1]
[1] „Durch vergleichende Lexikonanalyse habe ich einen ersten Bestand der Internationalismen erarbeitet: demnach erreichen die gleichen Wortschätze im Deutschen, Englischen und Französischen eine Zahl von 3500 Wörtern, und zwar auf der Basis von einbändigen standardsprachlichen Wörterbüchern.“[2]
[1] „Wörter, die in alle wichtigen Kultursprachen entlehnt worden sind, nennen wir Internationalismen (man sagt auch Europäismen) und ähnliches)…“[3]
[1] „Abschließend sollte vielleicht noch darauf hingewiesen werden, daß diese Textproben relativ viele Internationalismen enthalten.“[4]
[1] „Anglizismen sind zunehmend als Internationalismen anzusehen.“[5]

Übersetzungen[Bearbeiten]

Referenzen und weiterführende Informationen:

[1] Wikipedia-Artikel „Internationalismus (Sprache)“
[2] Wikipedia-Artikel „Internationalismus (Politik)“
[1, 2] Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache „Internationalismus“
[1, (2)] Duden online „Internationalismus“
[?] canoo.net „Internationalismus“
[2] Uni Leipzig: Wortschatz-Lexikon „Internationalismus“
[1] Helmut Glück (Hrsg.), unter Mitarbeit von Friederike Schmöe: Metzler Lexikon Sprache. Dritte, neubearbeitete Auflage, Stichwort: „Internationalismus“. Metzler, Stuttgart/ Weimar 2005. ISBN 978-3-476-02056-7.

Quellen:

  1. Christoph Gutknecht: Lauter böhmische Dörfer. Wie die Wörter zu ihrer Bedeutung kamen. Beck, München 1995, Seite 123. ISBN 3-406-39206-7.
  2. Peter Braun: Tendenzen in der deutschen Gegenwartssprache. Sprachvarietäten. 4. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart/ Berlin/ Köln 1998, Seite 197. ISBN 3-17-015415-X
  3. Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. de Gruyter, Berlin/ New York 2002, S. XXVIII. ISBN 3-11-017472-3. Fett gedruckt: Internationalismen und Europäismen; Abkürzung aufgelöst.
  4. Kurt Braunmüller: Die skandinavischen Sprachen im Überblick. Francke, Tübingen 1991, ISBN 3-7720-1694-4.  Zitat Seite 10.
  5. Peter Eisenberg: Anglizismen im Deutschen. In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Herausgeber): Reichtum und Armut der deutschen Sprache. Erster Bericht zur Lage der deutschen Sprache. de Gruyter, Berlin/Boston 2013, ISBN 978-3-11-033462-3, Seite 57–119, Zitat Seite 102f. 

Ähnliche Wörter:

international, -ismus

Comments

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *